{"title":"Wahrlich frühzeitige Musik: Kassia – Byzantinische Hymnen der frühesten Komponistin des Abendlandes von VocaMe","slug":"vocame-kassia-byzantinische-hymnen-review","url":"https://www.romanjasiek.de/vocame-kassia-byzantinische-hymnen-review/","published_at":"2010-09-20T14:52:00.000Z","updated_at":"2026-10-12T14:53:07.000Z","excerpt":"Möchte man heutzutage mit mittelalterlicher Musik noch punkten, muss man sich schon etwas Besonderes einfallen lassen. Mit ein paar Dudelsäcken, die über ansonsten vornehmlich rockige Klänge geschraubt werden, lässt sich inzwischen kaum noch jemand wirklich beeindrucken, der auf der Suche nach ernsthafter, mittelalterlicher Musik ist. Corvus Corax haben seinerzeit mit ihrer Vertonung der Carmina Burana gezeigt, wie man Klänge vergangener Zeiten der breiten Öffentlichkeit präsentieren kann, ohne ","meta_description":null,"html":"<p>Möchte man heutzutage mit mittelalterlicher Musik noch punkten, muss man sich schon etwas Besonderes einfallen lassen. Mit ein paar Dudelsäcken, die über ansonsten vornehmlich rockige Klänge geschraubt werden, lässt sich inzwischen kaum noch jemand wirklich beeindrucken, der auf der Suche nach ernsthafter, mittelalterlicher Musik ist. <strong>Corvus Corax</strong> haben seinerzeit mit ihrer Vertonung der <strong>Carmina Burana</strong> gezeigt, wie man Klänge vergangener Zeiten der breiten Öffentlichkeit präsentieren kann, ohne dabei in Richtung Kommerz abzurutschen.</p><p>Man könnte es aber auch machen wie das hochkarätig besetzte Ensemble <strong>VocaMe</strong>, die noch ein paar Jahrhunderte früher ansetzen und die Werke der frühesten, bekannten Komponistin des Abendlandes, <strong>Kassia</strong>, vertonen. Herausgekommen ist dabei ein Meisterwerk klassischer Musik (im Wortsinn!), das auf den etwas umständlichen Titel <strong>Kassia – Byzantinische Hymnen der frühesten Komponistin des Abendlandes</strong> hört und sich nun anschickt, die Gunst von Hörern mit gehobenem Anspruch zu erobern.</p><p>Die <strong>Carmina Burana</strong> ist ja durch ihre quasi Omni-Präsenz inzwischen ziemlich vielen Leuten, die sich mit dem Mittelalter und dessen musikalischen Ergüssen befassen, ein Begriff. Wenn man nun das Gespräch allerdings auf <strong>Kassia</strong> brächte, erntete man zunächst wohl nur einiges Stirnrunzeln. Daher an dieser Stelle ein paar erklärende Worte zu der guten Frau, die im schönen Jahre 810 das Licht der Welt erblickte und irgendwann zwischen 843 und 867 verstarb.</p><p><strong>Kassia</strong> hätte es seinerzeit richtig gut haben können, denn <strong>Theophilos</strong> (seines Zeichens <strong>byzantinischer Kaiser</strong>) hielt in jenen frühen Tagen der Geschichtsschreibung um die Hand der schönen <strong>Kassia</strong> an. Naja, gut, viel mehr wollte er ihr einen goldenen Apfel überreichen, so wie es damals während der Brautschau kaiserlicher Erdenbewohner üblich war. Zusammen mit den wenig romantischen Worten: »Durch die Frau kam das Übel in die Welt.« Tja, Füchsin, wie <strong>Kassia</strong> scheinbar war, entgegnete sie ihrem Bräutigam in spe schlagfertig: »Aber durch die Frau fingen auch bessere Dinge an!« Es versteht sich wohl von selbst, dass die Gute damit, Jahrhunderte vor der Emanzipation der Frauen, sich ihre Chance auf ein Leben an der Seite des Kaisers verspielte. Stattdessen gründete sie ein Kloster, wurde Äbtissin und fing an, geistliche und weltliche Texte zu verfassen und entsprechende Musik dazu zu komponieren. Da sie fortan im Zentrum des intellektuellen und künstlerischen Lebens <strong>Byzanz</strong> stand, hatte der gescheiterte Eheversuch einen positiven Nebeneffekt: Sie wurde Popstar. Quasi. Und nun, viele, viele Jahrhunderte später, wiederholt sich quasi die Geschichte. Zumindest, was die Popularität angeht. Kaiserin wird sie wohl auch heute mangels Leben nicht mehr werden.</p><p>Und wie kam’s dazu? Nun, bislang galt <strong>Hildegard von Bingen</strong> (ja, genau die) als die früheste, bekannte Komponistin. Das änderte sich schlagartig, als <strong>Michael Popp</strong>, Kenner und bekannter Interpret mittelalterlicher Musik, mit einem Antiquar ins Gespräch kam, welcher ihn auf <strong>Kassia</strong> aufmerksam machte. Und Popp, nicht weniger Fuchs als <strong>Kassia</strong> damals, erkannte sofort, was für musikalische Schätze da schlummerten und auf Wiederbelebung warteten. Er versammelte eine Truppe bekannter und talentierter Musiker um sich, die sich allesamt schon im Vorfeld ihre Sporen im weiten Feld mittelalterlicher Musik verdient haben, und gemeinsam fing man an, sich den Werken <strong>Kassias</strong> zu widmen.</p><p>Das Ensemble <strong>VocaMe</strong> setzt sich aus folgenden Künstlern zusammen:</p><ul><li><strong>Michael Popp</strong>: Musikalische Leitung, verschiedene Instrumente</li><li><strong>Sigrid Hausen</strong> (<strong>Estampie</strong>): Mezzosopran</li><li><strong>Natalia Lincoln</strong> (<strong>Unto Ashes</strong> | <strong>Odalisque in Ashes</strong>): Alt</li><li><strong>Sabine Lutzenberger</strong> (<strong>Mala Punica</strong>): Sopran</li><li><strong>Sarah M. Newman</strong> (<strong>Estampie</strong>): Sopran</li><li><strong>Elisabeth Pawelke</strong> (<strong>Faun</strong>): Mezzosopran</li><li><strong>Gerline Sämann</strong>: Sopran</li></ul><p>Eine in der Tat hochkarätige Mischung; nicht zuletzt Frau <strong>Pawelke</strong> von <strong>Faun</strong> sollte jedem Interessierten ein Begriff sein. Das Ergebnis ist ein hochspannender Ausflug in eine Zeit, die so weit zurückliegt, dass sie schon fast nicht mehr wirklich erscheint. Allerdings, das muss an dieser Stelle auch deutlich gesagt werden: Wer von diesem Album eingängigen, beiläufigen Musikgenuss erwartet, wird wohl enttäuscht sein. <strong>VocaMes</strong> Vertonung der <strong>Kassia-„Songs“</strong> ist sehr gediegene, aber durch und durch mittelalterliche Musik. Ein Türöffner in vergangene Zeiten, der nicht nur einiges an Aufmerksamkeit vom Hörer erfordert, sondern überdies auch verdient.</p><p>Es ist immer wieder schön zu erleben, dass Mittelaltermusik nicht notwendigerweise die letzte U-Bahn in Richtung Sally nehmen muss. Was <strong>VocaMe</strong> hier auf die Beine gestellt haben, hat mit dem ganzen Mittelalter-Pop bzw. -Rock, den man dieser Tage so oft serviert bekommt, erfrischend wenig zu tun. Ich möchte nun aber nicht schon wieder den (eigentlich unmöglichen) Vergleich zur <strong>Carmina Burana</strong> ziehen, dafür unterscheiden sich die Werke dann doch zu sehr. Engelsstimmen, die frühzeitliche Texte vortragen, begleitet von einem entsprechenden Instrumentarium&nbsp;– ein akustisches Festmahl für Mittelalter- und Klassikfreunde. Wem nun allerdings die E-Gitarren fehlen, der sollte sich wohl anderweitig orientieren.</p><figure class=\"kg-card kg-image-card kg-card-hascaption\"><img src=\"https://storage.ghost.io/c/90/34/9034555f-2939-4c04-8b42-89dcff4387d3/content/images/2026/10/vocame-kassia-1.webp\" class=\"kg-image\" alt=\"\" loading=\"lazy\" width=\"2000\" height=\"1783\" srcset=\"https://storage.ghost.io/c/90/34/9034555f-2939-4c04-8b42-89dcff4387d3/content/images/size/w600/2026/10/vocame-kassia-1.webp 600w, https://storage.ghost.io/c/90/34/9034555f-2939-4c04-8b42-89dcff4387d3/content/images/size/w1000/2026/10/vocame-kassia-1.webp 1000w, https://storage.ghost.io/c/90/34/9034555f-2939-4c04-8b42-89dcff4387d3/content/images/size/w1600/2026/10/vocame-kassia-1.webp 1600w, https://storage.ghost.io/c/90/34/9034555f-2939-4c04-8b42-89dcff4387d3/content/images/2026/10/vocame-kassia-1.webp 2000w\" sizes=\"(min-width: 720px) 720px\"><figcaption><span style=\"white-space: pre-wrap;\">© Christopherus</span></figcaption></figure>","tags":["Musik"],"authors":["Roman Jasiek"],"feature_image":"https://storage.ghost.io/c/90/34/9034555f-2939-4c04-8b42-89dcff4387d3/content/images/2026/10/vocame-kassia.webp","archived_at":"2026-10-12T15:11:07.735Z"}